Fragen & Antworten


Seit 2011 gibt es in NRW den Schul- konsens und es herrscht Ruhe in der Schulpolitik. Und jetzt beginnt ihr wieder eine Reformdiskussion, die letztendlich auf dem Rücken der SchülerInnen ausgetragen wird?

Ja, ständige Reformen sind nicht optimal. Aber dies kann auch kein Grund sein, dass es bei dem Schlechten bleibt. Schließlich geht es um die Lebenszeit einer ganzen Generation von Kindern und Jugendlichen und ihrer Entwicklung während der Schulzeit. Man kann nie genügend Zeit und Gehirnschmalz investieren, um Dinge zu korrigieren, die jetzt noch falsch laufen.

Ganztagsschulen haben u.a. das Ziel, durch Betreuung von Kindern beiden Elternteilen eine Berufstätigkeit zu ermöglichen. Wie steht Ihr dazu?

Wir sind für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Rahmenbedingungen, die dies fördern. Wir sehen unser Modell als guten Ausgleich zwischen den berechtigten Interessen der Eltern, wirtschaftlichen Notwendigkeiten und dem Recht von Kindern und Jugendlichen auf Freizeit.

Wie steht Ihr zu der aktuellen Diskussion um G8 und G9?

In dieses Haifischbecken wollen wir uns nur ungern begeben! Wir sehen jedoch, dass mit G8 in seiner jetzigen Form eine 35-Stunden-Woche eigentlich nicht möglich sein wird, aber wir sind nicht ausdrücklich gegen G8 bzw. für G9. Unser Anliegen ist mehr frei gestaltbare Zeit für SchülerInnen.

Wenn Ihr Unterrichtszeiten reduzieren wollt, dann muss ja wohl auch Personal reduziert werden. Wollt ihr das? Arbeitsplätze abbauen?

Nein, wer will das schon? Wir auch nicht. Aber uns fallen spontan zwei Stichworte ein, mit denen Schule sich qualitativ verbessert und in denen genügend gutes Personal benötigt wird – trotz Unterrichts- reduzierung: Kleinere Klasseneinheiten und Inklusion.

Wollt Ihr den Kindern verbieten, nach 16 Uhr etwas für die Schule zu tun? Und was ist mit Kindern, die mehr Zeit brauchen, um schulische Dinge zu verstehen und zu erarbeiten?

Generell muss es eine schulfreie Zeit geben können. Wenn ein Kind mehr Zeit für schulische Dinge verwenden will, soll es dies freiwillig tun. Aber die Schule selbst muss ihren Anspruch an die Lebenszeit der SchülerInnen herunterschrauben. Bei unseren zeitlichen Maximalforderungen gehen wir von einem durchschnittlichen Schülertypen aus – wohlwissend, dass es in der Praxis unterschiedliche Lerntypen und Begabungen gibt.

Schule soll auf das Arbeitsleben vorbereiten. Und dort kann man sich nicht immer alles aussuchen und muss auch mal unter Stress etwas leisten. Sind eure 35 Stunden-Forderungen mit Blick auf die zukünftige Arbeitswelt nicht realitätsfremd?

Hier gibt es wohl ein grundsätzliches Missver- ständnis: Schule soll nicht auf die Arbeit vorbereiten. Sondern Schule soll auf das Leben vorbereiten. Und ja, dazu gehört auch Arbeit und Stress. Aber kein Dauerstress. Wir wollen nicht den Freizeitpark ausrufen. Wir wollen vielmehr hinterfragen, unter welchen Vorzeichen wir etwas leisten wollen. Es muss doch auch Zeiten und Bereiche im Leben des Menschen geben, die nicht auf etwas hin verzweckt werden (z.B. auf  Wirtschaftlichkeit hin).

Ein gut gemachter Ganztag mit rhythmisiertem Unterricht ermöglicht doch Freiräume und eine Entlastung innerhalb der Schulzeit. Warum seid ihr gegen diesen Ansatz?

Wir haben gar nichts gegen eine abwechslungsreiche Schule. Aber Einheiten von z.B. Musik, Sport und AGs sind immer noch verordnete „Freiräume“. Kinder und Jugendliche brauchen aber wirkliche Freiräume. Also Angebote, für oder gegen die sie sich entscheiden können. Zeiten und Räume, die sie selbst gestalten können und in denen sie eine andere Rolle haben als die der Schülerin bzw. des Schülers.

Manche sagen: SchülerInnen sollten sogar viel mehr Zeit in der Schule verbringen und dort betreut werden, da sie sonst auf der Straße hängen und mit der freien Zeit nichts anzu- fangen wissen oder weil ihr Zuhause nicht gut für sie ist. Was wollt ihr diesem Argument entgegen setzen?

Es ist nicht die Aufgabe der Schule, die Kinder möglichst lang zu verwahren und vor ihrem eigenen Lebensraum zu schützen. Vielmehr geht es darum, diesen Lebensraum zu gestalten. Und dies ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ein Akteur dabei ist die Schule, die Brücken zwischen Schulzeit und Freizeit bauen kann.